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1994

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ICON - Fotokalender 1995, Prof. Juergen Koenigs: Thomas Kellner: "Aus dem Zyklus, Tierra quemada, obscure Fotografien aus der Asche"

Thomas Kellner: Tierra Quemada in: ICON - Fotokalender 1995

Koenigs, J., 1994. Thomas Kellner: Aus dem Zyklus, Tierra quemada, obscure; Fotografien aus der Asche 1993 (26 x 19 cm). In: G. Glueher, ed. Foto `95 Kalender. Muenchen: ICON-Verlags GmbH. p. 149.

 

Thomas Kellners Fotografie ist in einer Lochkamera gemacht worden. Seit Mitte der 1970er Jahre befasst sich eine zunehmende Zahl von Fotografinnen und Fotografen mit diesem „alten“ Geraet. Die Motivationen dazu moegen individuell verschieden sein, zweierlei wird dabei aber immer eine Rolle spielen: Zum einen die Faszination, mit elementaren, grundlegenden Phaenomenen des Licht-Bildes und seiner Projektion umzugehen; zum anderen die Moeglichkeit, Bild-Apparate nach eigenen Vorstellungen und fuer eigene Bildideen entwickeln und anfertigen zu koennen, statt sich dem impliziten Feststellungen konfektionierter Kameras auszuliefern

 

Kellner hat u. a. fuer seine Fotografien („Tierra quemada, obscure Fotografien aus der Asche“) eine Lochkamera benutzt, die mit 11 separat zu bedienenden Lochblenden versehen ist. Die Entfernung von Lochblende zum Film ist dabei baulich so festgelegt worden, dass der Bildkreis sichtbar wird, den jede Lochblende entwirft. Das Gesamtbild setzt sich aus kleinen, sehr weitwinkeligen Bildern zusammen, die sich in den Randpartien beruehren und durchdringen, bzw. vom Rand des Gesamtbildes ueberschnitten sind. Entsprechend klein, wie durch ein umgekehrtes Fernglas gesehen, sind die Gegenstaende den jeweiligen Bildzirkeln einbeschrieben, deren Grenzen durch schnellen Helligkeitsabfall markiert sind.

 

Kellner hat die Kamera fuer alle 11 Teilbelichtungen an derselben Stelle belassen und die Belichtungen gleichzeitig vorgenommen. Dadurch ergibt sich die rhythmische Struktur des Bildes, die von der Spannung lebt zwischen Wiederholung gegenstaendlicher Details und der Veraenderung ihrer Lagebezuege von Bildkreis zu Bildkreis, zwischen flaechigem „Muster“ und perspektivischen Tiefenraum, der sich in jedem Bildkreis auf einen eigenen Fluchtpunkt hin entwickelt. Die Doppelqualitaet des Fotobildes als zweidimensionales Gebilde, als Flaeche mit Mass und Proportion und als Substrat fuer Wahrnehmung und Rekonstruktion von Raum, wird damit anschaulich gemacht. Ebenso wird im Auf- und Abblenden von Hell- und Dunkelzonen das Belichten selbst, die elementare Abhaengigkeit jedes Projektionsbildes und jeder fotografisch-gegenstaendlichen Repraesentation von Licht zum Thema.

Anders als ein „normales“ Foto weist Kellners Fotografie keinen homogenen „Fenster“-Raum auf, der die traditionsreiche Verwechslung von Sehbild und fotografischem Bild stuetzen konnte. Die Bestimmung eines eindeutigen Standortes ist nicht moeglich. Die perspektivischen Verschiebungen in den Bildfeldern bringen Impulse raeumlich-zeitlicher Bewegung. Realitaetserfahrung wird als Orientierungsvorgang veranschaulicht, als balancierender Ordnungsversuch transitorischer Phaenomene.

(Prof. Juergen Koenigs, Siegen, 1994, aus: ICON - Fotokalender 1995, Muenchen, Germany, 1995)

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