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1995

  LichtBild-ZeitRaum, 1995, Kunstverein Hildesheim  PHOTONEWS, Hamburg, Vol. 2/95, Germany, (Text by Dennis Brudna, german)   Renner book 95  pinhole journal 1995

PHOTONEWS 2-1995, Denis Brudna: Thomas Kellner "Mit anderen Augen"

Brudna, D., 1995.Thomas Kellner. Mit anderen Augen. In: Photonews. Zeitung für Photographie, No. 3, March 1995, pp. 4-5.

 

Die Beschaeftigung mit der Camera obscura ist anachronistisch und innovativ zu gleich. Sicher gehoert diese Technik nicht zu den aktuellsten Fragen in der Fotografie. Auf der anderen Seite traegt ein aktualisierter und gezielter Griff zur Lochkamera fast immer auch eine innovative Note in sich. Hiermit meine ich jene Projekte, bei denen die visuellen Eigenarten von Lochkamerabildern nicht als Selbstzweck, sondern als Teil eines Konzeptes verstanden werden. Beilaeufig erstellte Bilder dieser Art wirken dagegen anfaenglich zwar reizvoll, bei naeherer Betrachtung schwindet jedoch ihre Anziehung und sie werden relativ schnell als Wiederholung empfunden.
 

Dennoch gelingt es immer wieder, das Urprinzip der Fotografie, die Camera obscura, neu zu definieren bzw. die entstandenen Bilder so zu gestalten, dass etwas visuell Anregendes oder Neues entsteht. Voraussetzung dafuer ist jedoch die Erweiterung des Begriffs und die Bereitschaft, das Prinzip dieser Aufnahmetechnik gedanklich wie auch inhaltlich zu erweitern. Thomas Kellner, geb. 1966 in Bonn, beschaeftigt sich waehrend seines Studiums an der Universitaet Gesamthochschule Siegen schon relativ lange mit dem Thema Camera obscura. Wie fuer jeden, der Camera obscura bei seiner Arbeit einsetzt, ist auch fuer Thomas Kellner die Konstruktion seiner Kameras sehr wichtig, doch die konzeptuelle Einbindung dieser Technik bei seinen Projekten spielt eine ebenso be- deutende Rolle. Da er fuer seine Vorhaben extra konstruierte Geraete einsetzt, werden diese gleichzeitig Teil der realisierten Konzepte. Die Palette reicht von einer 1,5 m langen, mit 19 Lochblenden ausgestatteten Kamera, mit deren Hilfe ein ganzer Kleinbildstreifen auf einmal belichtet wird ueber diverse andere Modelle mit einer unterschiedlichen Anzahl von Lochblenden bis hin zu verschiedenen Fundstuecken, die Kellner zu einer Camera obscura umfunktioniert. Im Mittelpunkt eines solchen Projektes steht zum Beispiel ein gefundenes Schneckenhaus. Kellner: "Die gebrochene Spitze des Schneckenhauses funktionierte dabei als 'Objektiv der Kamera'. Waehrend des Baus entstand eine Reihe experimentell gefundener Arbeitsergebnisse, bis hin zu den ersten 'richtigen' Bildern." Thomas Kellner fasste diese Aufnahmen in einem kleinen Buch unter dem Titel "Eine Schnecke auf dem Weg zur Kamera" zusammen, das er mit Originalaufnahmen in kleiner Auflage produziert hat. Neben derartigen Experimenten findet man in Kellners Repertoire aber auch weit realistischere Aufnahmen, auf denen Landschaften oder Menschen dargestellt werden. Der Mensch interessiert Kellner als Koerperlandschaft, als Motiv, als Portraet auf unterschiedlichen Ebenen in verschiedenen Projekten. Trotz der in den Bildern deutlich erkennbaren Formen wirken Kellners Arbeiten zugleich abstrakt. Eine Eigenschaft, die sich durch fast alle seine Projekte zieht. Bricht Kellner auf der einen Seite die sonst durch 36 Einzelbilder definierte Struktur eines Kleinbildfilms, indem er den Filmstreifen im ganzen als Panorama belichtet, schafft er bei anderen Projekten ungewohnte Strukturen und Vielschichtigkeit. Bei der Serie "Dying Nature" lichtete Thomas Kellner mit Hilfe einer 11-Loch-Kamera verschiedene tote Baeume ab, die er in Schleswig-Holstein vorgefunden hatte. Die einzeln in die Landschaft ragenden Staemme reizten den Fotografen durch ihre Skulpturhaftigkeit. Dank der elf, auf ein Blatt erfolgten Belichtungen ergab sich eine weitere Steigerung der ohnehin skurrilen Formen. Darueber hinaus entsteht durch die einzelnen Bildfragmente ein Muster. Gleichzeitig besteht bei diesem Projekt eine eindeutige Verbindung zu einer frueheren Arbeit unter dem Titel "Tierra quemada, obscure Fotografien aus der Asche", bei der Kellner eine durch Feuer zerstoerte Landschaft in Spanien fotografierte und in der ebenfalls bizarre Baumformen zu finden waren. Fotografie und die Lochkamera-Technik sind bei Kellner sehr nah zusammengerueckt. Die Tatsache, dass er fast fuer jedes geplante Projekt eine dafuer eigens gebaute Kamera verwendet, verleiht seiner Arbeit einen deutlichen konzeptuellen Charakter und rueckt das Experiment in den Bereich des kalkulierbaren visuellen Erlebnisses. Obwohl auch bei Kellner jedes Projekt die fuer diese Technik typischen Merkmale aufweist, besitzen seine Bildserien eine deutliche Eigenstaendigkeit und Originalitaet. Dank dieser Qualitaet wird die eigentliche Aufnahme als autonomes Werk bestaetigt und angenehm von der technischen Abhaengigkeit geloest. Auf der anderen Seite ist der Fotograf durch den Bau vieler, zum Teil sehr raffinierter Kameras auch als Konstrukteur ein ernstzunehmender Gespraechspartner. Idee, Technik und visuelle Umsetzung bilden eine homogene Einheit. Kellner praesentiert uns eine durch "andere Augen" beobachtete Welt. Eine Welt voller Geheimnisse und ungewohnter Blicke, deren praegnante AEsthetik zum genauen Hinsehen animiert. Es ist erstaunlich, dass Camera obscura Fotografie fast ausschliesslich im Bereich der "freien" bzw. "kuenstlerischen Fotografie" verwendet wird, doch auch hier als Ausstellungsobjekt nur vergleichsweise selten praesentiert wird. Erstaunlich deshalb, weil ich mir die Auseinandersetzung mit der Camera obscura auch in verschiedenen Bereichen der angewandten Fotografie durchaus vorstellen koennte. Bei gezielter Anwendung wuerden sicher auch hier reizvolle Ergebnisse zu erwarten sein.

(Denis Brudna in: PHOTONEWS, Hamburg, Vol.3/95, Germany)

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