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Nihao

Nihao


Guten Morgen im Reich der Mitte. Life in Photography ist das jährliche Oberthema des wohl größten Chinesischen Festivals unter der künstlerischen Leitung von Zhang Guotian.
Pingyao soll nach dem Willen der Verantwortlichen Fotostadt werden. Ja richtig, nicht Malerei, Kalligraphie und Tuschezeichnungen, nicht Mandel- oder Kirschbaumblüten und Tuschelandschaften sollen wie die Neujahrsbilder der Anziehungspunkt dieser Stadt werden, sondern die Fotografie. Und das demonstriert das Festival mit einem immer ausführlicheren Katalog und einem nachhaltigen Engagement in die Ausstellungsinfrastruktur.
Bereits vor 4 Jahren  hatte ein privater Investor das Gelände der Baumwollfabrik aufgekauft und begonnen zu sanieren, um in Zukunft in einem Kulturzentrum mit Fotomuseum ganzjährig Programm zu machen. Leider verstarb der visionäre Gönner plötzlich und das Gelände ist dem Zahn der Zeit und dem kontinuierlichen Verfall wieder ausgeliefert. Die Stadtoberen versuchen weiterhin auf dem Gelände der einstigen Dieselmotorenfabrik einen ähnlichen Plan umzusetzen. Ein wenig leidet der Charme verlassenere Industriebrachen unter den Messehallenähnlichen Wänden, die überall hochgezogen werden, doch ist der Aufbau viel professioneller und die Betreuung der internationalen Gäste vorbildlich.
Dieses Mal waren nicht alle Straßen mit Bildern gepflastert. An insgesamt 6 Orten, drei Fabrikgeländen, 2 Tempeln und dem alten Rathaus, zeigten tausende von Fotografen ihre Arbeiten. Die Mischung aller gezeigter fotografischer Ansätze und Pingyao als Weltkulturerbe machen das Festival zum Magneten für Fotointeressierte aus ganz China und der Welt. Vom Journalismus, über Sportfotografie, Werbung bis zur künstlerischen Autorenfotografie wird alles gezeigt genauso wie tausende von Bildern, die für verschiedene Wettbewerbe der Amateure eingereicht werden. Eine Woche lang vibriert die Stadt unter dem Zischen der Verschluss Vorhänge. Ältere Stadtbewohner werden hockend vor ihren Häusern abgelichtet, genauso wie andere exotische lang-, weiß- oder blondhaarige Ausländer. Das Gewimmel in den Gassen der mittelalterlichen Stadt ist dicht.
Kommerziell beteiligen sich Verlagshäuser, nicht nur mit Bücherständen, sondern komplett eigenen Hallen, wovon die Halle des Druck- und Verlagshauses Artron am beeindruckendsten war. Die zentrale Straße auf dem Gelände der Dieselmotorenfabrik verwandelt sich zweitweise in einen Basar der Chinesischen Fotoindustrie, wo von der Kamera, über das Stativ und Bekleidung fast alles zu haben ist. Erstaunlich ist mittlerweile auch die zahlreiche Präsenz vieler Fotoschulen aus China, den USA und Singapur. (Bild Jason Lee Shanghai Normal University)
Die wichtigste Veranstaltung war mit Sicherheit die Ausstellung non Roger Ballen (1950). Der diplomierte Psychologe und Geologe aus Südafrika, macht seit einigen Jahren mit seinen eigenwilligen Bildern die Runde. In Pingyao zeigte er Shadow Chamber und Boardinghouse. Ballen fotografiert an seltsamen, ja skurrilen Orten und hat einen Stil entwickelt, der changiert zwischen Art Brut, Symbolismus oder Dadaismus, obwohl er die Bilder nicht nachträglich manipuliert.
Eine von dem in Schweden lebenden Ukrainer Misha Pedan kuratierte Ausstellung „silent fire“ bewies wieder einmal, dass die Schweden in der internationalen Szene gut mitmischen mit bestechenden Positionen, wie der von Johan Willner (Bild)
Der Lateinamerikanische Pavillon suprakuratiert von Alasdair Foster aus Australien brachte den gesamten Charme und Schmerz Lateinamerikas nach China. Foster brachte Kuratoren aus Venezuela, Kolumbien, Guatemala, Mexico und Cuba für eine gemeinsame Präsentation. Und die ließ sich wirklich gut sehen, da Sie alles transportierte, was wir an klassischen und zeitgenössischen Ansätzen aus Süd- und Mittelamerika kennen. Auffallend waren die installativen Portraits von Andrea Vargas aus Guatemala, Teresa Carreno mit einem Bild einer kosovarischen Beerdigung und Violette Bule mit dem Bild einer Performance (beide Venezuela).
James Dooley von der Alexa Fundation zeigte zwei Arbeiten, die uns alle in den vergangenen 12 Monaten bewegt haben. Eine Dokumentation des eingestürzten Hochhauses in Bangladesh von Abir Abdullah und Sara Lewkowicz Serie von häuslicher Gewalt.
Bei den Chinesen waren es für mich in diesem Jahr erstaunlicher Weise eher die schwarzweißen Arbeiten, die faszinierten. Sowohl die eher kleinen Panoramen von Jia Jin Xin, dessen romantisch verklärte Vogelscheuchen bei jedem Wetter in der unwirtlichen Landschaft stehen, oder die monumentalen Diptychen und Triptychen von Lin Ran, der für sein Buch auch einen der begehrten Preise erhielt.
Den Hauptpreis mit ca 12.000 Euro dotierten Hauptpreis erhielt Du Zi für eine Serie mit dem Scarces (Narben), in der er Menschliche Eingriffe in die Landschaft mit hochaufgelösten Bildern dokumentiert. Insgesamt werden Preise als Ehrungen in 8 Kategorien vergeben.
Thomas Kellner: Ansicht Ballen Ausstellung Pingyao
Thomas Kellner: Roger Ballen
Johan Willner, Die Ordnung der Dinge
Lin Ran, Yangtse River
Jia Jin Xin, ohne Titel