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Pingyao 2014


Irgendwo im Nirgendwo steht man, wenn man mit der Chinesischen Version des TGV oder Thalys in Pingyao ankommt. Ein moderner Bahnhof mitten auf der Wiese, der innen noch Rolltreppen hat, aber auf dem Weg zu den entstehenden Parkplätzen führt die Freitreppe in die Schlammlandschaft einer Großbaustelle. 3 Kilometer vor der Stadt spuckt dieser Bahnhof die zahlreichen, meist Chinesischen Touristen aus. Ankommende Ausländer wundern sich da schon mal, dass dieser Bahnhof noch gar nirgendwo verzeichnet ist. Manchmal ist das so in China, zwischen Dschungelcamp, Disneyworld,  Mittelalter und Science Fiction.
Das 14. China International Pingyao Photography Festival zum Thema Life in Photography. World of Dream zeigte in 400 Ausstellungen von 2100 Fotografen mit 20.000 Bildern  eine beeindruckende Vielfalt der Fotografie. Die Veranstalter schaffen einen großartigen Spagat zwischen populärer, angewandter und künstlerischer Fotografie, so wie zwischen ganz jungen Positionen und historischer Aufarbeitung ganzer Archive. An ca. 10 verschiedenen Orten, vom Kloster bis zu den Fabrikbrachen werden im alten Stadtzentrum, welches zum UNESCO Weltkulturerbe gehört, Bilderschauen installiert. Auffällig war, dass mit einem immer weiter fortschreitenden Gigantismus auch viele kleine Arbeiten gezeigt wurden. Zum Konzept des künstlerischen Leiters  Zhang Guotian gehört die internationale Präsenz dezidiert künstlerischer Ansätze. Jedes Jahr werden ca 40-50 internationale Gäste eingeflogen.
Alasdair Foster aus Australien zeichnet für eine hervorragende Auswahl Lateinamerikanischer Fotografie und exzellenter Präsentation. Cecilia Paredes Serie  „Background Stories“ führt den Betrachter in Suchbilder von Akten vor floralen Tapeten oder Wandteppichen. Die in Philadelphia lebende Künstlerin versteht es auf clevere Weise Südamerikanischen Dschungel, Farbenpracht und Blumenduft mit einer Bildsprache malerischer Naivität Südamerikas so mit dem Abbild des Körpers zu verweben, dass man seiner selbst im Farben und Blumenrausch versinkt. Zu Recht erhielt sie dafür einen der begehrten 5 Preise. Auch aus Australien kam eine Präsentation von Moshe Rosenzveig vom headon Festival aus Sidney. Die Auswahl des jährlich stattfindenden Portraitpreises ließ erkennen, welch Qualitäten es in der Australischen Fotografie zu entdecken gibt. Importiert wurde auch eine Ausstellung Baltischer und Nordischer Fotografie aus dem Programm der Kulturhauptstadt Riga.
Bei den Chinesen zeigt Wu Zhengzhong  in seiner formal angelegten  Serie einen neuen Badetrend Chinas. Frauen gehen schwimmen, wollen aber entweder nicht erkannt werden oder folgen der Idee der Maskierung, wie man sie aus der Pekingoper, modernen Cosplays oder auch aus anderen Kulturen kennt. In der stringenten Serie der Masques treffen Badekappen als Latexmasken auf  den leicht diesigen Horizonts des Chinesischen Meers.
Manchmal muß man auch in Pingyao etwas graben um die spannenden Sachen zu finden. Auf dem fast unübersichtlichen Gelände der Baumwollfabrik kann man in den vielen kleinen Räumen schätze entdecken, wie den fast humorvollen Patriotismus der Xiaoujun Guo, oder die intelligenten Bilder von Fanshun Zan. Fan stellt Fotoleinwandhintergründe her und arrangiert seine Protagonisten passend dazu.
Etwas wilder geht es in der Regel bei den präsentierenden amerikanischen, Englischen  und Chinesischen Hochschulen zu. Im Zickzackkurs muß man sich durch die Kojen der Studenten winden und wird dann überrascht von einer Chinesischen Mona Lisa  von der Hochschule oder den barocken Portraits Tätowierter auf dem Hintergrund von Teppichstrukturen von Rosanna Hanson.

Wirklich begeistern können die Ausstellungen in einer der Hallen, die sich scheinbar als Halle historischer Bilderschauen zu etablieren scheint. In diesem Jahr war es die Aufarbeitung eines Fotografenlebens, von Yuan Yiping. Es ist mehr als eine Zeitreise, wenn man in die Bilder eines Fotografen einer anderen Kultur eintaucht, in eine Zeit die vor der eigenen und manchmal sogar vor der der eigenen Eltern liegt. Bestechende Bilder in einer gelungenen zweisprachigen Präsentation zeigen die chinesischen Kuratoren.
In Pingyao ist man gefangen zwischen der Stadtmauer, die das Schachbrett der Straßen umgibt, gefangen im täglichen Betrieb der Touristenbuden, die sich in den alten Häusern aufsäumen wie eine Perlenschnur mit endlosen Wiederholungen des gleichen Kitsches. Die Fotografie bringt zusätzliches Leben in diese Stadt und wieder hat man in ein Gebäude investiert, die Pingyao International Photography Gallery eröffnet. Die Bibliothek, die an gleicher Stelle im Vorjahr eröffnet wurde ist mal eben verschwunden. Nach 10 Tagen verschwinden die Bilder, die Stellwände und die Fotografen. Was bleibt sind neugewonnene Freunde, Eindrücke und neue Schätze.