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Thomas Kellner ueber: Houston FotoFest 2008

Thomas Kellner ueber FotoFest Houston 2008 in Profifoto Nr.5 Mai 2008

FotoFest Houston 2008
Im Olympischen XXL-Jahr Chinas, inmitten der politisch bewegter Zeiten, in denen China mehr in seiner Rolle in Tibet  betrachtet wird, findet die Biennale FotoFest 2008 International Bienal of Photography in Houston/USA statt, zu der ich nun zum zweiten Mal als reviewer anreise.  Beim letzten FotoFest in 2006 waren Kuratoren aus China gekommen und hoben innerhalb kürzester Zeit  den meetingplace Beijing aus der Taufe. Ein Jahr zuvor waren die beiden Cogründer Wendy Watriss und Fred Baldwin in Lianzhou im Süden Chinas zu einem Fotofestival gereist. Aus diesen Begegnungen entstand nicht nur der Wunsch Chinesischen Fotografen den Weg in den Westen zu ebnen, sondern auch den historischen Vorhang etwas zu lüften und uns im Westen einen Einblick in die Fotogeschichte  Chinas zu ermöglichen. So der Titel des diesjährigen Festival „Photography from China 1934-2008“
Durch zahlreiche Reisen nach China, dem Kontakt zu den beiden Festivals in Lianzhou und Beijing, so wie zu Kuratoren, unter anderem den Kuratoren des Museums von Guangzhou und des China Art Research Institutes in Peking entstand das Gerüst für das diesjährige Thema von FotoFest Houston. Wendy Watriss und Fred Baldwin, so wie die Organisatoren des Beijing meetingplaces Jimmy Chu und Lei Gao, und geladenen Gastkuratoren Chen Guangjun und Xu Weying von der 798 Gallery Peking, Zhang Li vom Three Shadows Photography Center, Peking und Wu Hung von der University of Chicago, stellten in verschiedenen Schwerpunktausstellungen einen historischen Schnitt zur Fotografie Chinas vor.
Schon bei der diesjährigen Eröffnung spiegelte sich die XXL-Größen-Mentalität Chinas in Houston wieder. Mehr als 2000 Besucher kamen zur Eröffnung Anfang März.
In der Ausstellung „Ethnography, Photojournalism and Propaganda, 1934 – 175“ wurden drei große historische Themen nebeneinander gestellt. Die ethnografischen Portraits von Zhunag Yueben aus dem westen Chinas aus den Jahren 1934-39 überzeugten in ihrer nahezu physischen Präsenz der Gesichter. Sha Feis „The Northern Front, the Anti-Japanese War, 1937-1946, war zwar wie die beiden anderen dieser Ausstellung im Williams Tower nicht optimal präsentiert, aber ließ man sich auf eine Nähe zu den Bildern ein, wurde deutlich, dass diese frühe Kriegsdokumentation eine fotografische Ausnahmeleistung ist. Zur Ausstellung gehörte selbstverständlich ein Blick auf die Kulturrevolution mit Arbeiten von Wenig Naiqiang, Xiao Zhuang und Wang Shilong.
Neben dieser Ausstellung von historischer Dokumentarfotografie überzeugte aber am meisten die großzügige Ausstellung „Independent Documentary Photography, 1985-2008 von den drei Fotografen Wu Jialin, Li Lang und Lu Nan in den Winter Studios. Lange helle Flure eine fast zu große Zahl von schwarzweißen Bildern aus einer uns unbekannten Welt, eröffnete Blicke in den Chinesischen Alltag. Etwas versteckt in einem kleineren Raum blieb einem dann doch der Atem stocken bei der Serie „Mental Hospital, Tianjing Province“ von Lu Nan. Ausgemergelte Körper, hocken auf Pritschen ohne Matratzen, stehen orientierungslos auf dem Hof in einer Irrenanstalt. Bilder die aus einem anderen Jahrhundert scheinen, sind aber  noch keine 20 Jahre alt und wir wissen, dass heutige Zustände oft nicht wesentlich besser sind.
Im Headquarter von FotoFest wurden Arbeiten einer selbstverlegten Zeitschrift „New Photo, 1994-1997“ um den Fotografen Rong Rong neu installiert. Rong Rong unternahm in Beginn der 90er Jahre den Versuch in kleiner Auflage jüngste fotografische Tendenzen in  der Chinesischen Fotografie zu publizieren, die schon damals alle künstlerischen Möglichkeiten der jüngeren Vergangenheit aufgriffen. Neueste Tendenzen der Chinesischen Fotografie, die die meisten der Kuratoren auch beim meetingplace in Beijing nur zum Teil zu sehen bekommen hatten zeigte die Ausstellung „Staged and Conceptual Work 1994-2008, current perspectives an verschiedenen Orten. Eine beeindruckende Auswahl unterschiedlichster fotografischer und künstlerischer Ansätze breitete sich über die Stadt aus. Xin Danwens Modelllandschaften als Schauplätze wirklichen Lebens und Tatorten funktionieren in ihrer Größe, saugen den Betrachter in die Modellandschaft und lassen ihn teilhaben am photoshopmanipulierten Leben auf den Terrassen und Strassen. Yao Lu verpackt eine scheins traditionelle Chinesische Landschaft in Plastikfolie und mahnt vor den Umbauten einer ganzen Kultur und Landschaft. Bai Yiluo gehört wahrscheinlich zu den künstlerischsten und konzeptionell aufregendsten Fotografen in der Präsentation. Tausende Portraits verdichten sich zur 100 Dollar-Banknote in einem Bild Chinas, das sich neuerdings vom Kapitalismus regieren lasst und Tausende gescannter toter Fliegen vereinigen sich zu traditioneller kalligraphischer Kunst Chinas.
Es gab noch vieles mehr zu entdecken, wie zum Beispiel die von Susan Meiselas kuratierte Ausstellung „Miners“ im Houston Center of Photography und  Can Xins landart-performances im New World Museum.
Das alles konnten wir Besucher in Houston neben unserem Alltag der Portfoliosichtungen erleben. Die Portfoliosichtungen wurden in diesem Jahr wegen der großen Nachfrage um eine 4.Session erweitert; noch mehr Fotografen, noch mehr Kuratoren, Galeristen, Journalisten, die den Weg zum größten und internationalsten meetingplace der Welt nach Houston in 2008 machen.

Anmerkung:Auch die diesjährige Benefiz- Auktion brach alle Rekorde. Für die meist von Fotografen oder Galerien gestifteteten Werke wurden in diesem Jahr über 200.000 USD erzielt.Das  Bild Brandenburger Tor bei Nacht von Thomas Kellner, erzielte gleich auch den je höchst  erzielten Zuschlag von 11.500 USD.

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