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Pingyao Internation Photography Festival 2009

9th Pingyao International Photography Festival 19. -25. September 2009

 

Zum 9. Mal fand vom 19. bis 25. September in dem 2700 Jahre alten historischen Stadt Pingyao in der nordchinesischen Provinz Shanxi das mit seiner mittelalterlichen Stadtmauer und erhaltenem Stadtkern zum Weltkulturerbe gehört, das größte chinesische Fotofestival PIP statt. Zwischen Touristen und einer noch nie gesehenen Anzahl elektrogetriebener Fahrzeuge schlängelt man sich durch eine mittelalterlich Stadt, die dem Tourismus a la Disneyland geweiht ist, Schüler werben rufend für das Festival: „We love China, We love China, come and see the exhibitions“

Unter dem Motto Leben und Traum stellte der künstlerische Leiter Zhang Guotian unter der Leitung von Hu Suping, Arbeiten von Fotografen aus der ganzen Welt aus. In alten Fabriken, wie der Baumwollspinnerei (Mian Zhi Chang), der ehemaligen Sony-Fabrik (Tu Cang), einer Nadelfabrik (Er Zhen Chang) und in einem Dieselmotorenwerk (Chai You Ji Chang), genauso wie zum Beispiel Taoistischen Tempel, dem Konfuzius-Tempel, u.a.  fanden Ausstellungen statt. An vielen Orten wurden entlang der Straße Stellwände aufgebaut, Bilderparzellen entstanden fast überall. Tausende und abertausende von Bildern Chinesischer Fotografen und 70 eingeflogenen internationalen Künstlern und Kuratoren wurden in Pingyao im Jahr der 60 Jahr-Feiern der Volksrepublik China gezeigt.

 

Der Charme der alten Fabrikhallen, wovon eine nun in ein Pingyao International Art Center nach dem Vorbild des 798 Geländes in Peking umgebaut wird, gibt den Anreisenden viel inspirierende Atmosphäre, so wie die Altstadt dutzende Amateurfotografen an eine Hausecke, einen Torbogen, oder an einen Arbeiter fesseln kann. Aber so ist das Festival strukturiert. Es wurden nicht nur professionelle Fotografen ausgestellt, sondern genauso Kameraclubs, journalistische  und künstlerische Fotografie. Im Rahmenprogramm fanden sich Diskussionen, Vorträge und workshops. In der Nadelfabrik waren hauptsächlich Ergebnisse verschiedener Fotoschulen ausgestellt, die zum Teil einen guten Einblick in die Tendenzen der Lehre an Chinesischen Schulen geben konnten. Hier hingen auch zwei Ausstellungen Amerikanischer Schulen (NYU Steinhardt, ICP New York, Parsons the New School for Design) und die Ausstellung Digital Dreams of Human Body der russischen Kuratorin Irina Tchmyreva. Das digitale Bild wird in dieser Ausstellung zur wirklich grafisch digitalen Arbeit die an die flächigen Auseinandersetzungen der Postmoderne in der Kunst erinnern (Dou, Bee Flowers und Ekaterina Bubnova)

Zu den besonders beeindruckenden Ausstellungen auf dem Gelände des Dieselmotorenwerkes gehörte die Präsentationen von Abelardo Morell und Thomas Rose (beide USA) Abelardo Morell gab einen nahezu retrospektiven Überblick zu seinen Arbeiten und Thomas Rose zeigte monochrome großformatige formreduzierte Architekturaufnahmen in die er skriptoral eingreift.

Zu den wenigen historischen Ausstellungen (abgesehen von einer kleinen Verkaufsausstellung im lokalen Nobelhotel) zählte die von der Pekinger mr-Galerie kuratierte Ausstellung der 80er Jahre. Der Katalog zur Ausstellung nimmt Bezug zu einer von Wu Hong kuratierten Ausstellung und Buch aus dem Jahr 2004 und eröffnet einen offenen Diskurs über die Entwicklung der Chinesischen Fotografie. Eindeutig ersichtlich wird aber, dass sich der Blick des Fotografen ändert. Kommend von einer humanistischen Fotografie und einer entpersonalisierten Autorenschaft hin zu einer subjektiven Fotografie und einer zeitgenössischen Autorenschaft. Der subjektive Blick auf die Gesellschaft und das Erforschen neuer fotografischer Möglichkeiten eröffnen in den Extrempunkten Fotografen wie Mo Yi, Yu Xiaoyang und vor allem Gao Dapeng (Bild)

Auf dem Gelände der ehemaligen Sony-Fabrik überzeugten vor allem die von Dominique Charlet kuratierte Ausstellung von 10 internationalen Fotografen (darunter Estelle Lagarde, Kris Seraphin-Lange, Liliroze, Tania Reinicke, Marco Ambrosi, u.a.), die alle gemeinsam einen faszinierenden, harmonischen Eindruck von Flüchtigkeit des Moments vermitteln. In direkter Nachbarschaft zeigt Rafal Milach in einer beeindruckenden Präsentation seine Ausstellung 7 rooms, in der seine 5-jährige Arbeit in drei Städten Russlands zeigt nach dem Zusammenbruch der UdSSR zeigt. (Bild) Mit der Hand sind die Titel hier auf die Wände geschrieben. Einer mag die Kraft der Bilder und der Texte hier exemplarisch vermitteln: „I dreamed about Putin. It was  warm and bright experience“

Irina Tchmyreva kuratierte nebenan gleich eine zweite gelungene Ausstellung mit Arbeiten von Alexey Kuzmichev, Vadim Gutschin (dessen hervorragendes Buch I. Tchmyreva herausgab), Alexander Podosinov, Nikita Mashkin, Gregory Maiofis, Alisa Nikulina, Bee Flowers und Igor Kultyshkin. Allen Arbeiten gemeinsam schreibt die Kuratorin den nachfühlbaren Konflikt zwischen Realität und Traum im heutigen Russland zu.

Einige der sehenswertesten Ausstellungen fanden sich auf dem Gelände der Baumwollspinnerei, wo auch die eingeladenen Galerien (Neuberger Art Gallery, Stephen Cohen Gallery, Barbara Ruetz Gallery, The Farmani Gallery) so wie weitere Institutionen wie das Australian Center of Photography, Galleri Image aus Aarhus und die Aperture Foundation aus New York zu finden waren. Aperture konnte mit der kürzlich auch als Buch erschienen Ausstellung Abstractions das Thema Traum in einen nahezu meditativen Charakter verwandeln. Insbesondere die Arbeiten von Penelope Umbrico zeigten aber wieder einmal, dass das Thema Abstraktion in der Fotografie noch lange nicht beendet ist. Penelope Umbrico gehört zu jenen Bildersammlern, wie ein Peter Piller, die aus gefundenen Bildern neue Dimensionen schöpfen können (Bild) Beim Australian Center of Photographie, kuratiert von Alisdair Foster, beeindruckte neben Trent Parke vor allem William Yang mit seiner sehr persönlichen Geschichte, Auf- und Bearbeitung seines outcome und Lebens als Schwuler in Australien. (Bild) Solo gab es in diesem Bereich auch die Ausstellung Dancing Walls von Thomas Kellner zu sehen. In weiteren kleinen Räumen waren junge Chinesische Nachwuchskünstler untergebracht, wo vor allem Lu Jun mit seiner Verarbeitung von Chemigrammen zu neuen digital manipulierten Landschaften ein Hingucker war. Die Galleri Image, Beate Cegielska, präsentierte die Fotoausstellung vom Mette Juul und die hervorragende Videoinstalation von Hanne Nielsen und Birgit Johnsen. Beide arbeiten seit Jahren zusammen und gehören zu den modernen Vertretern einer performativen Kunst. Einen sehr spannenden Ansatz für die zeitgemäße Auseinandersetzung mit aktueller Videokunst gab die Ausstellung 30 years Performance in Photography. Leider an nur wenigen Bildbeispielen mit zu wenigen Texten konnte die Ausstellung trotzdem einen Überblick seit dem Ende der 70er Jahre geben. Als frühestes Beispiel eine Arbeit von Kwok Mong-ho. In den fotografischen Arbeiten der 80er Jahre (concept21group, Li Xinjian, Zhang Nian, Xiao Lu und Wang Deren) belegt sich, dass Fotografie für die Künstler noch nicht wirlich fotografisch war sondern eher unliebsames Mittel einer notwendigen Dokumentation einer öffentlichen Performance. In den 90er Jahren wandelt sich diese Funktion des fotografischen Bildes. Anfang der 90er Jahre nehmen Jhu Fadong, Ai WeiWei, Qiu Zhijie, Zeng Hauan, Rong Rong und Ma Linming mit ihren Bildern bewusst Stellung. Das Bild als Möglichkeit der Kommunikation einer Performance wird wahrgenommen bis zum vorsichtigem politischen Statement. Ende der  90er Jahre perfektionieren sich die fotografischen Bilder zu Synonymen der Performance, so wie bei Cang Xin, Lin Tong, Wang Chuyn, Cai Yuan, Qin Zhijie, Zhu Ju, Zhan Bin, Li Wie und Yu Ti und die Inszenierungen werden eindeutiger auf das fotografische Ergebnis hin komponiert. Diese Bewegung vollzieht sich bis in die Jahre des neuen Jahrtausends, wo die Fotografie am Ende auch als kommerzielle Möglichkeit des Performancekünstlers steht. Cang Xin, Han Bing, Chen Chinling, die Gao Brothers, Wu Ghaozhong, und Wang Mai zeigen nun in der Gegenwart alle Möglichkeiten der Inszenierung, als Kompostionsresultate von Landart und Intervention, als erzählte Geschichten in Bilderstreifen und Tableaus. Die junge Generation zeigt an verschiedenen Stellen im Festival, dass das neue Medium zur Dokumentation der Performance das Video und die Videoinstallation sind und das das gute fotografische Bild in den Kunst und Fotomarkt gehört. Deshalb ist insbesondere dieser Ansatz, wenn auch leider nicht tiefer recherchiert, ein wirklicher Beitrag zur weltweiten Entwicklung vom stehenden zum laufenden Bild in der aktuellen Kunst der Gegenwart gewesen.

ThomasKellner Oktober 2009

Zum Ende des Festivals gab es zahlreiche Preise. Den Hauptpreis erhielten zwei Chinesische Fotografen Ma Zhuo: Empty Villages (Bild) und Lai Ruqiang & Lu Xuelan: Stories in Photo Studios. Internationale Fotografen wurden gesondert prämiert (Thomas Rose, Gary Hallmark, Nikita Mashkin, Abelardo Morell und Thomas Kellner)