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photographers:network selection 2009

„just"

Anfang 2009 wurden wieder Kollegen und Freunde weltweit eingeladen, die ich im Laufe der letzten Jahre kennen gelernt habe, an diesem Projekt teilzunehmen. Es sind allesamt meist junge Fotografen, die ich bei Festivals, auf den Kunstmessen und in meinen Galerien kennen gelernt habe. Mit manchem verbinden sich bereits auch schon jahrelange Freundschaften. Es haben sich in diesem Jahr 107 Fotografen mit 300 Arbeiten für die Teilnahme beworben. Ziel des Projektes ist es ein Netzwerk unter Kollegen aufzubauen und sich gegenseitig zu fördern. Die Bewerbungen kamen aus zwanzig Ländern, darunter aus: Brasilien, Kanada, China, Deutschland, Dänemark, Spanien, Frankreich, England, Israel, Italien, Japan, Litauen, Holland, Polen, Schweden, Schweiz, Syrien, Thailand, USA und Uruguay. Eine sachkompetente Jury aus zwei Journalisten (Thomas Gerwers, PROFIFOTO und Manfred Zollner, fotomagazin), einer Galeristin (Beate Cegielska, Galleri Image, Aarhus, Dänemark) und einem Kunsthistoriker (Johan Sjöström, Göteborgs Konstmuseum, Göteborg, Schweden) haben gemeinsam mit mir die auszustellenden Arbeiten ausgewählt.

Die Ausstellung zeigt kein bestimmtes Thema, auch wenn sich Überschneidungen mit meinen eigenen Interessen oder der anderen untereinander ergeben. Jedoch zeigen die ausgestellten Arbeiten die Vielfalt der fotografischen Ansätze, die zeitgleich mit meinen eigenen Arbeiten entstehen. In den ersten 5 Jahren des Projektes war der Teilnehmerkreis kleiner, den ich einludt. In diesem Jahr erweiterte ich den Kreis der Fotografen deutlich und führte eine Teilnehmergebühr von 10 Euro ein, um auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten dieses Projekt aufrecht erhalten zu können.
Die meisten Kollegen traf ich im vergangen Jahren bei Portfoliosichtungen in Brasilien, Houston, Mannheim, Lodz, Birmingham und Berlin. Die 26 ausgewählten Fotografinnen stammen aus 11 verschiedenen Ländern aus Nord- und Südamerika, Asien und Europa.

In jedem Jahr kommen durch die unabhängige Auswahl von verschiedenen Juroren aus unterschiedlichen Verwertungszusammenhängen der Fotografie unerwartete Gruppenausstellungen zu stande. Der Journalist hat einen anderen Blickwinkel, als der Galerist, oder der Kunsthistoriker, oder ich als freischaffender Künstler. Die Auswahl ist mehr oder minder zufällig, da auch die Fotografen von mir nicht gebeten werden etwas bestimmtes einzureichen. Und trotzdem passiert es in jedem Jahr: Sekundenschnell festigt sich ein Gesamteindruck. Dieser wird natürlich bestimmt von meiner individuellen Rezeption der Bilder, ist abhängig von meinen eigenen Emotionen und dem Zeitgeist der uns umgibt. Sehr schnell bildet dieser erste visuell emotionale Eindruck Wörter, Begriffe, Zusammenhänge, auch manches, das sich schwehrlich in Worte fassen läßt. Und trotzdem steht am Ende dieser Betrachtung meist nur ein Wort. In diesem Jahr ist es „just“, oder aber auf Deutsch: „gerade eben“.

Bei der Betrachtung der ausgewählten Bilder festigt sich der Eindruck, daß es um einen bestimmten Moment geht, und zwar nicht den, welchen wir im Bild sehen, sondern um die Bilder, die sich anknüpfen an unsere Bildbetrachtung. Was ist geschehen? Manchmal können wir das Davor erahnen und uns selber verbildlichen. Der abgebildete Moment ist nicht nur jene perfekte Moment eines Cartier Bresson, sondern baut mit einer erzählerischen Stärke und Emotionalisierung, jenen Zeitpunkt auf, der gerade eben geschehen ist. Es ist eben nicht der Sensationsmoment, der Gipfel der action, sondern die Ruhe nach dem Sturm, das zurückbesinnen auf etwas davor, das Bild läßt dem Betrachter ein Geheimnis, einen Raum offen, in den er eintauchen kann. Und läßt die auch die Frage offen nach dem danach.

Johann Willner zeigt uns eine Straßenszene in der offenbar der Vater aus dem Auto steigt und im Wagen ein verletzter Junge den Betrachter traurig anschaut. Eben ist etwas passiert, aber was? Das Portrait eines jungen Mannes von Suzanne Opton schaut uns wehmütig traurig an. Erst wenn wir den Titel „soldier“ erfahren, lädt sich plötzlich das Bild auf: Soldier Birkholz ist einer jener Amerikanischen Soldaten, die aus dem Einsatz in Afghanistan oder Irak zurückgekehrt ist. War der Einsatz es wert? Was mußte der Soldat Birkholz erleben und wie wird er es verarbeiten können? Wie Schatten der Vergangenheit huschen solche Gedanken über unsere medienaufgeladene innere Mattscheibe. Schatten von vielleicht Skulpturen, oder Küchenwerkzeugen, wie bei Dietlinde Bamberger auf einer Gardine, die nur etwas erahnen lassen, oder fotografische Schatten einer demontierten Kamera bei Brian Buckley, der uns nicht verrät, wessen Kamera er dort im Fotogramm zerlegt hat.

Qiu Jun Sung verarbeitet in seinem Triptychon erzählerisch ein Erlebnis. Der kleine Junge in der Mitte soll das Erlebte des Mädchens nicht erfahren, sie legt ihm ihre Hand über seine Augen. Bei Liu Lijie, liegt eine junge Frau, offenbar entkleidet rücklings auf einem Sofa. Die hellen Farben bauen jenen Moment der Spannung nach einem Erlebnis auf, von dem wir nicht wissen, ob die Farben etwas süßlich schönes gewesen sind, oder ob sich hier soeben ein Drama abgespielt hat. Bei Dirk Hanus „Inner Spaces“ läßt der kleine Junge mit dem Holzschwert auf dem Speicher eines Wohnhauses vermuten, daß es nur um ein Spiel geht. Aber die Szene, der wehenden Wäsche, ist zu surreal, als daß es nur um ein Spiel gehen könnte.

Das Spiel ging dem Tod voraus und das Spiel folgte dem Tode auf dem Fuße in den Inszenierungen von Tamany Baker. „Living with Wolfie“ ist die Reaktion der Künstlerin auf die morgentlichen Geschenke ihrer Hauskatze Wolfie. Wolfie liebt ihr Frauchen offenbar sehr und bringt beinahe täglich Mäuse und junge Vögel, die sie erlegt und manchmal auch verzehrt hat. Tamany Baker reagiert als Künstlerin, in dem Sie die sterblichen Überreste mit Büten umgibt und eine Komposition aus Tod, Leben und Vergänglichkeit schafft. Sie agiert damit in einer Form der Intervention und landart, oder einem Relief. Eben noch sprang die Maus, zwitscherte ein Vögelchen, die Blüten sind noch frisch von einer duftenden Blume gepflückt.

Zwischen verlorenen Blicken auch bei Olga Hoffmanns Lonely Dinner oder Pernille Koldbech-Fichs Passing Through, begibt sich der Betrachter auf eine eigene innere Gedankenreise des eben Erlebten.

 

 

photographers:network selection 2009
"just"
27.Juni bis 5.Juli
Studio Thomas Kellner
Siegen, Germany

Dirk Hanus Inner Spaces,
Art Galerie Siegen
28.06.

www.profifoto.de