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MEETINGS: Houston FotoFest 2006

In diesem Jahr widmete sich das FotoFest Houston - das wohl größte Fotofestival der Welt - anlässlich  seines 20jährigen Bestehens den Themen „Earth“ und „Artists responding to Violence“. Als Reviewer beim diesjährigen Meetingplace hatte der Fotograf und ProfiFoto-Autor Thomas Kellner die Gelegenheit eine Vielzahl der Ausstellungen zu besuchen und hunderte von Portfolios angereister Fotografen zu sichten, sowie rund 120 Reviewer persönlich zu treffen.
Wie in jedem Jahr fand der Meetingplace im Rahmen des Houston FotoFests in einem der großen Hotels der texanischen Metropole statt. Das traditionell belegte Warwick stand in diesem Jahr wegen Umbauarbeiten nicht zur Verfügung, so dass alles Downtown stattfand. Eben genau diese Konzentration auf einen Veranstaltungsort hat gegenüber dem Festival in Arles den Vorteil, dass man nicht suchen muss und sich zwanglos begegnen und austauschen kann.
Mit einigen Tagen Abstand sind es vor allem drei Ausstellungen die als besonders beeindruckend im Gedächtnis bleiben: „Earth“ zeigte nicht farbenprächtige Dokumentationen aus verschiedenen Erdteilen, sondern verband sensibel unterschiedliche Herangehensweisen von Fotografen an unsere Vorstellung vom Begriff Erde oder vielmehr Erbe. Während auf der einen Seite John Ganis in seinem Project „Consuming the American Landscape“ farbenfrohe Landschaften präsentierte, dabei aber den Blick auf die menschlichen Eingriffe in die Natur wendet, zeigte auf der anderen Seite Jules Greenberg in ihrer Serie „Fallen“ präparierte Vögel aus einem Naturkundemuseum, die - alles im Namen des Fortschritts - im Auftrag der Wissenschaft getötet wurden.  Daneben entführte  Heidi Bradner die Besucher mit ihrer Serie „The Land of the second sun“ auf eine trügerische Reise in die Vergangenheit, die das Leben des Nomadenvolkes der Nenet bei ihrer jährlichen Wanderung zeigt.
Masaki Hiranos zeigte mit „Stumps of Silence“ in großartigen, aus mehreren Teilen zusammen gesetzte Schwarzweißbildern den Kahlschlag in Tasmanien. Die Arbeiten vermittelten in ihrer realdimensionalen Präsentation auf Wänden und Böden sowohl den monumentalen Eindruck der Baumriesen, als auch einen beinahe meditativen Raum, der zu bewußterem Umgang mit den Ressourcen mahnte.  Maria Martinez Canas und Kim Brown zeigten ebenso still wie abstrakt das, was kaum wahrnehmbar ist: Staub. In ihren „Dustograms“ entstehen aus den Staubplastiken der einen Fotogramme auf Fotopapier der anderen, und erstere verbindet dann wieder die Objekte mit dem Bild. Eine Ausstellung, die nachdenklich machte.
„Artists responding to Violence“ hatte ebenso viele Facetten und überraschte genauso mit unerwarteten Bildern. Zu sehen waren keine Fotos von Kriegsschauplätzen, sondern eher Arbeiten, die Fragen aufwerfen. AES+F, eine Künstlergruppe aus Moskau, kreiert Collagen in denen Jugendliche mit Waffen posieren. Sergey Bratkov aus der Ukraine erinnert mit seinen „Soldiers und Army Girls“ mit beinah kitschiger Heroisierung an die schwelenden Konflikte der Region. David Farrell zeigt in seinen „Innocent Landscapes“ keine Soldaten, keine Gewalt, kein Blut, sondern jene Orte, wo die Vermissten der irischen Auseinandersetzungen innerhalb der IRA später als Leichen ausgehoben wurden. Nathalie Latham gewährt in Ihrer Serie „Closed City No.65“ Einblick in die erste Stadt zur Plutonium Produktion der ehemaligen Sowjetunion, die lange auf keiner Karte verzeichnet war. Seit 1948 leben Menschen hier, und Forscher untersuchen seit der Gründung dieser Produktionsstätte die Folgen der Strahlung auf Arbeiter, ihre Kinder und Enkelkinder, die heute noch dort leben. Lisderbertus Aka (viel Zündstoff, deswegen ein Künstlername...) kombiniert von Mord, Gewalt und Totschlag in Montagen mit Porträts der Mächtigsten der Welt.
Paula Luttringer hingegen lenkt den Blick des Betrachters auf die Geschichte Argentiniens, wo unter der Diktatur Menschen verschwanden, entführt und ermordet wurden. Lange waren die Gefängnisse geheim. Sie selbst gehörte zu den Opfern. Sie hat in jahrzehntelanger Recherche die Überreste jener geheimen Gefängnisse aufgespürt und insgesamt 75 Leidensgenossinnen finden und interviewen können. Entstanden ist eine sehr persönliche Arbeit mit reduzierten Schwarzweiß-Bildern und Zitaten aus den Interviews. Installiert in einem länglichen Flur im Headquarter von Fotofest, standen immer Besucher vor den Bildern und Texten. Selten habe ich eine so gespannte, emotional geladene und betroffene Ausstellungsatmosphäre erlebt.
Highlight und Stimmungswechsel für Fotografen und Reviewer gleichermaßen bot wieder die Ausstellung „Discoveries“ (Entdeckungen), in der traditionell  wie bei jedem der vorangegangenen Meetingplaces zehn Fotografen als die Entdeckung der vergangenen Portfoliosichtung gefeiert wurden. In diesem Jahr zu sehen war unter anderem eine Arbeit über Karmeliterinnen von Lili Almog, „Rough Beauty“ von Dave Anderson, Figurative Collagen von Luis Delgado, Luftaufnahmen von Esteban Pastorino Diaz mit einer an einem Drachen installierten Kamera, Portraits von Justin Guariglia, schwarzweiße Panoramen aus Dresden von Fredrik Marsh, eine Konzeptarbeit zu den Betten von Obdachlosen von Martina Mullaney, Morton Nilson’s Porträts von Tanzsportlern, unheimliche, emotionale Arbeiten von Frank Rodick und farb-manipulierte Gartenaufnahmen von Brad Temkin.
Fest steht: Houston 2006 hinterließ viele Eindrücke, mindestens genau so viele Unterlagen von Fotografen, die Ihre Mappe bei den Portfoliosichtungen zeigten, und wer Bilder sucht – dieses Festival ist alle zwei Jahre bestimmt in mehrfacher Hinsicht eine Reise ins Bushland wert.
 

Von Thomas Kellner

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