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Bratislava im August 2006

In Paris ist die Stadtreinigung in Grün unterwegs, in Bratislava ist de Signalfarbe für die Saubermänner und Maschinen blau. Die Donau wechselt je nach Jahreszeit die Farbe. Der Himmel ist mal strahlend blau, mal Wolken verhangen tief grau. Es scheint alle 20 Minuten der Himmel über der slowakischen Hauptstadt von sonnentrunken zu pudelnass zu wechseln. Letzteres treibt mich immer wieder in den Schutz einer Überdachung und lassen mich erahnen welche Bedeutung Fotografie heute in Bratislava bekommen hat.
Nein, es ist noch nicht November, jener Monat in dem sich mittlerweile sieben Städte zum Europäischen Monat der Fotografie vereinigt haben (1980 von Paris ausgehend, gehören bis zum Frühjahr 2007 Berlin, Wien, Moskau Luxemburg, Bratislava und Rom dazu ( www.mdf-berlin.de) – Es ist August und das einsetzende wechselhafte Wetter lässt mich Entdeckungen machen.
Die erste Überraschung, bei einem kurzen Blick auf die Internetseite des Festivals (siehe unten), es gibt ein neues Haus der Fotografie! Klein aber fein im Herzen der attraktiven Altstadt beherbergt das „Central European House of Photography“ ein Kaffe, einen Buchladen, zwei Etagen für Ausstellungen und eine Bibliothek. Eröffnet wurde das Haus am 3. November 2005. Betrieben wird dieses Haus heute von einem ganzen Team unter der Leitung von Vaclav Macek.
Vaclav Macek, selbst Professor für Filmgeschichte an der Hochschule für Darstellende Künste in Bratislava, Autor zahlreicher Bücher, unter anderem einer Aufarbeitung der slowakischen Fotografiegeschichte, engagiert sich bereits seit den 80er Jahren für die Fotografie. Es begann alles mit einer kleinen Galerie und später dem bekannten FotoFo – Festival und meetingplace für Fotografie. (Infos zum 16. Festival siehe unten)
Entstanden ist das Haus aus dem Bedürfnis heraus mehr Fotografie in Bratislava integrieren zu können, der Fotografie einen permanenten Platz zu geben und nicht nur in unregelmäßigen Abständen in der Nationalgalerie zu sehen, wo sich nur eine Kuratorin mit dem Medium beschäftigt. (aber ziemlich spannend, später mehr dazu). Finanziert wird das Haus aus Mitteln der Slowakischen Lotterie, Fuji-Film, Zuwendungen aus dem Ministerium und aus Einahmen im Buchladen, so wie dem Magazin IMAGO und Workshops und Konferenzen.
Leider werden die Besucher des Festivals die zurzeit laufenden Ausstellungen nicht mehr sehen können, dennoch sind sie wie andern Orts in Bratislava wert davon zu berichten.
Das Programm der Galerie soll sich verteilen auf die verschiedenen Facetten der Fotografie, von Journalismus, Geschichte der Fotografie, künstlerischer Fotografie und aktueller fotografischer Positionen.
So findet man anlässlich des Jahrestages im August eine Ausstellung mit 15 Bildern von Bielik, die 1968 beim Einmarsch der russischen Armee entstanden. Die Bilder wurden damals aus dem Land geschmuggelt, gehören heute zu den beeindruckendsten Zeugnissen der Tage damals. Der Raum in dem die Bilder hängen ist klein, die Bilder sind klein, doch eine Macht geht von den kleinen schwarzweißen Bildern aus, die die Verzweiflung, den Widerstand der Menschen damals in einer emotionalen Nähe zeigen, die eben nur in diesen intimen Formaten und der Dichte einer kurzen Bildstrecke zu erreichen sind. Eines der Bilder wurde weltberühmt, jetzt kann man den Zusammenhang in einer beeindruckenden Serie sehen. 14+1 so der Titel der Ausstellung.
Zurzeit kämpft der Sohn von Bielik immer noch mit der Deutschen dpa, die die Bilder in die ganze Welt vertrieben hat und den Autor und sein Honorar über Jahrzehnte vergaßen. Man kann gespannt sein, wie dieser Autorenstreit ausgehen wird.
Auf er oberen Etage eine Gruppenausstellung mit Arbeiten jungen Künstlern.
Diese Ausstellung ist ein Kooperations- und Netzwerkprojekt, welches aktuelle künstlerische Positionen aus der Tschechei, Slowakei, Ungarn und Polen zusammenführt. Etwas, welches einem weiter westlich nur wenig begegnet und immer wieder Beleg dafür ist, dass Sprache eine unüberwindbare Barriere sein kann.
Voller Eindrücke wollte ich mich auf den Weg zurück ins Hotel machen, als mich das Wetter abermals überraschte und ich in das Nationalmuseum flüchtete. Eine herbe Enttäuschung. Reisefotografien aus Venedig alle gleich groß an unsäglichen Stellwänden, sich wellig gegen die Glasscheiben billiger Rahmen drückend. – schnell weiter. - Gut das es das Haus für Fotografie mit einem qualifizierten Team jetzt gibt, dachte ich und ging schnell unter den ersten Tropfen quer über die Strasse, wo ich Unterschlupf fand in der Slowenski Narodne Galeria – Die Staatsgalerie. Der Ausstellungstitel „ Autopoesis“ interessierte mich. Selbstportraits von zeitgenössischen Künstlern aus der ganzen Welt in unterschiedlichen Medien, die Fotografie und Video dominierten die Ausstellung über 2 Etagen. Große schön modernisierte Räume, ließen mich oft vor Videos verweilen, die mich sonst schon einmal bereits nach 30 Sekunden langweilen können. Hier jedoch anders. Frühe Arbeiten von Pipilotti Rist, mit 20 Jahren Abstand heute immer noch erfrischend. Und vor allem ein Videoprojekt von in dem der Künstler seinem alter ego nachspürt, filmisch, aber doch sehr fotografisch filmt er Menschen schwarzweiß  auf der Strasse in denen er sich selber, seinen Zwilling zu erkennen glaubt.
Einige westliche Positionen leuchten wie alte Bekannte. Cindy Sherman, Orlan, Valie Export, etc. Überraschend sind aber die östlichen Positionen und vor allem die Tendenz ihrer Auswahl. Die Kuratorin Zora Rusinova hat es geschafft eine sehr feminine Auswahl zusammen zu stellen und vor allem das Selbstportrait auf das Portrait des Selbst, den Körper, zu erweitern. Die Arbeiten der meisten Künstler kommen nicht schrill daher, eher leise, empfindsam und verletzlich, wie die Arbeiten von Zofia Kulik, Mila Presslova, Hajnal Nemeth, Pavlina Fichta Cierna, oder Veronika Bromova und vielen anderen.
Schon bei der Fahrt in die Stadt war mir eine Brückenkonstruktion (Novy Most=Neue Brücke) aus der sozialistischen Zeit der 70er Jahre der Slowakei ins Auge gestochen. Zunächst dachte ich die Brücke hätte auf der unter der Fahrbahn gelegenen Ebene der Fußgänger Fenster. Je näher ich jedoch kam, desto deutlicher wurde, dass es sich um eine gigantische Ausstellung quer über die Donau handelte.
Der Autor dieser Installation ist Juraj Chlpik, 1976 geboren und eigentlich kein Fotograf oder Künstler im engeren Sinne. Er arbeitet normaler Weise in der Werbung und dort eher im Film, für große Agenturen, wie Saatchi & Saatchi, die ihm  bei der Realisierung behilflich waren.
Er wollte etwas für sich tun und es den Menschen, die er fotografierte zurückgeben. Er wandte sich dem Stadtteil Ptrzalka auf der anderen Donauseite zu und porträtirte die Menschen und aber vor allem die 1-Zimmerappartments in den stereotypen Wohnsilos der 70er Jahre, wo heute bereits die dritte Generation Menschen lebt. Eine bunte Vielfalt wird da sichtbar, aber insbesondere seine Fähigkeit auf wenigen Quadratmetern eine Mannigffaltigkeit des Blickes zu entwickeln, die wirklich atemberaubend ist. Die Verbindung der Stadtteile, der Bogen, den er für die Menschen schlägt und der über die Donau geschwungene Open-Air-Ausstellungsraum wird mit Sicherheit auch das Festival im November bereichern. Dann scheint zwar sicherlich weniger Sonne, ich werde öfter naß, aber Bratislava als Ort der Fotografie bereichert die Palette in Europa um einen Knotenpunkt zwischen Ost und West. Es scheint viel möglich in Bratislava und die Stadt ist immer eine Reise wert.
Thomas Kellner 09-2006




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