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Meetingplace FotoFest Beijing 2006

Peking. Morgens um 6 Uhr im Oktober kann man den Sonnenaufgang nur vermuten, gegen 3 Uhr scheint es Abend zu werden. Irgendwie fühlt sich das schon so an, wie im Winter in Deutschland. Tagsüber hat die Sonne kaum Kraft und das nächste Gebäude auf der anderen Straßenseite verschwindet bereits hinter einem Dunst von Smog. Kaum vorstellbar, daß 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking sportliche Höchstleistungen möglich sein sollen.
Mit gemischten Erwartungen hat sich ein internationales Kuratorenteam, darunter Yossi Milo Gallery und Boni Benrubi Gallery New York, Sandra Philips vom SF MOMA, Alison Nordstrom vom Georg Eastman House in Rochester, aber auch Christoph Tannert vom Künstlerhaus Bethanien Berlin, Celina Lunsford vom Fotoforum Frankfurt, Francois Hebel, Rencontres d’ Arles, u.a., auf Einladung von FotoFest Houston und Veranstalter Jimmy Chu aufgemacht Chinesische Fotografie beim ersten Meetingplace FotoFest Beijing zu sichten.
Jimmy Chu, ehemaliger Direktor des Amerikanischen Asienbüros in Hongkong und Fotograf Lei Gao, waren im März nach Houston gekommen, um sich die Amerikanische Variante eines FotoFestivals an zu schauen. In nur 4 Monaten schafften sie nicht nur mit Unterstützung von Wendy Watriss und Fred Baldwin von FotoFest Houston die Strukturen eines Festivals aus dem Boden zu stampfen, sondern auch die Sponsoringmittel auf zu bringen. Aus über 1000 Bewerbungen wurden 286 Fotografen ausgewählt, die dem Internationalen Team und einer kleineren Gruppe Chinesischer Kuratoren, ihre Arbeiten zeigen durften. Hewlett Packard als Hauptsponsor übernahm sogar das Erstellen der Abzüge für die Fotografen und das Organisationsteam vollbrachte ein wahres Feuerwerk an notwendigen Beratungen und Vorbereitungen für die Fotografen. Nicht nur die Portfolios wurden erstellt, sondern Imagebroschüren, Cds, Visitenkarten und was dem Fotograf noch sonst fehlen könnte.
Ein Heer von freiwilligen Übersetzern unterstützte die Kuratoren aus aller Welt in der Kommunikation mit den aus ganz China angereisten Fotografen, denn Englisch spricht in China noch fast keiner.
Entsprechend der Vorauswahl fiel das Niveau der Arbeiten vergleichbar mit dem von FotoFest Houston aus und die Kuratoren wurden kaum enttäuscht von der Qualität der Arbeiten.
Sowohl Fotografen, die eher der offiziellen Linie der Chinesischen Kulturpolitik angehören, als auch jene als inoffizielle zu bezeichnenden Fotografen zeigten zum  Teil bewegende Arbeiten. Die Arbeiten des  Peng Xiangjie über einen Chinesischen Zirkus, den er bereits seit Jahren begleitet, riefen bei vielen Kuratoren Erinnerungen an westliche Positionen einer Susan Meisels oder Mary  Ellen Mark wach. Viele der Aufnahmen sind erst in den letzten 5 Jahren entstanden und zeigen, auf sehr deutliche Weise die Diskrepanz auf die sich die Chinesische Bevölkerung bei der Öffnung zum Kapitalismus bewegt, in Bildern, die nach westlichem Geschmack Ikonen werden könnten.
Jene, die noch nicht in China waren, sind in der Regel erfüllt von Vorurteilen und Schauermärchen über die Essgewohnheiten in China. Der Fotograf Lu Jun, greift eine Eßgewohnheit auf, die uns auch aus Europa als Spezialität  bekannt ist. Er installiert enthauptete und gehäutete Froschkörper mit Chinesischen Porzelanpuppen zu solchen Märchen, die nicht nur das Essen der zarten Tierchen verschiebt zu Muskelstrotzenden Kämpfern, sondern gleichzeitig traditionelle Kampfgeschichten und erotische Abenteuer assoziieren lässt. Gleichzeitig beschafft er in einer neuen Serie eine für den Westen wunderbare Serie in der Chinesische Malerei uns leichter zugänglich wird. Malerei verbindet sich via Photoshop mit fotografischen Aufnahmen von Häusern, Bäumen und Menschen.
Eben die industrielle Seite der Malerei, die sich außerhalb Pekings in ganzen Dörfern und Künstlersiedlungen findet, thematisiert Yu Haibo in einer beeindruckenden Reportage über eine Ölmalwerkstatt. Vincent van Gogh im Dutzend billiger zu haben.
Alte Kolorierungstechniken speziell mit chinesischen Tuschen nutzt auch Wang Tong bei seiner Serie „ Mao on the Wall“ in der insbesondere die szenischen Aufnahmen neben den Portraits auf der Mauer  beeindrucken. Ganz anders geht Chen Nong damit um. Das aktuell größte Thema Chinas, der Drei Schluchten Damm verbindet er in einer fein inszenierten, handkolorierten Panoramaarbeit, die an Schlachtenpanoramen erinnern. In bis zu 8 Aufnahmen nebeneinander, je 1mx1m fotografiert er ein Heer; natürlich angeheuerte Statisten, deren Kostüme er in 16 Monate langer Arbeit selbst aus Papier geschaffen hat. Sicherlich eine Höchstleistung, die wir hoffentlich bald in Europa sehen können und die wie das Festival selber hoffen lässt, dass die Vorbereitungen für die Olympiade jeder Zeit in einem Endspurt mit Rekordniveau zu bewältigen sind.

(Thomas Kellner, 2006-11)

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