Curatorial Projects

publications

photographers:network selection 2010 - wonderland

Anfang 2010 wurden wieder Kollegen und Freunde weltweit eingeladen, die ich im Laufe der letzten Jahre kennen gelernt habe, an diesem Projekt teilzunehmen. Es sind allesamt meist junge Fotografen, die ich bei Festivals, auf den Kunstmessen und in meinen Galerien kennen gelernt habe. Mit manchem verbinden sich bereits auch schon jahrelange Freundschaften. Es haben sich in diesem Jahr 54 Fotografen mit 162 Arbeiten für die Teilnahme beworben. Ziel des Projektes ist es ein Netzwerk unter Kollegen aufzubauen und sich gegenseitig zu fördern. Die Bewerbungen kamen aus zwanzig Ländern, darunter aus: Brasilien, Kanada, Deutschland, Dänemark, Spanien, Frankreich, Griechenland, England, Israel, Italien, Japan, Mexiko, Philippinen, Russland, Polen, Schweiz, Slowenien, Slowakei, Tschechien und den USA. Eine sachkompetente Jury aus zwei Journalisten (Thomas Gerwers, PROFIFOTO und Manfred Zollner, fotomagazin), einem Galeristen (Lothar Albrecht, L.A. Galerie Frankfurt) und einem Kunsthistoriker (Thomas Schirmböck, ZEPHYR, Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim) haben gemeinsam mit mir die auszustellenden Arbeiten ausgewählt.
Die Ausstellung zeigt kein bestimmtes Thema, auch wenn sich Überschneidungen mit meinen eigenen Interessen oder der anderen untereinander ergeben. Jedoch zeigen die ausgestellten Arbeiten die Vielfalt der fotografischen Ansätze, die zeitgleich mit meinen eigenen Arbeiten entstehen. Bereits 2009 erweiterte ich den Kreis der Fotografen deutlich und führte eine Teilnehmergebühr von 10 Euro ein, um auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten dieses Projekt aufrecht erhalten zu können. In diesem Jahr wird die Auswahl begrenzt auf nur noch 18 FotografInnen. Die meisten Kollegen traf ich im vergangen Jahren bei Portfoliosichtungen in Brasilien, Houston, Mannheim, Lodz, Birmingham und Berlin. Die 18 ausgewählten Fotografinnen stammen aus 11 verschiedenen Ländern aus Nordamerika, Asien und Europa.

In jedem Jahr kommen durch die unabhängige Auswahl von verschiedenen Juroren aus unterschiedlichen Verwertungszusammenhängen der Fotografie unerwartete Gruppenausstellungen zustande. Der Journalist hat einen anderen Blickwinkel, als der Galerist, oder der Kunsthistoriker, oder ich als freischaffender Künstler. Die Auswahl ist mehr oder minder zufällig, da auch die Fotografen von mir nicht gebeten werden etwas bestimmtes einzureichen. Von Beginn des Projektes an, ergab sich bei der Betrachtung der ausgewählten Bilder ein zentraler Begriff, eine fast magische sehr schnelle Assoziation: Sekundenschnell festigt sich ein Gesamteindruck. Dieser wird natürlich bestimmt von meiner individuellen Rezeption der Bilder, ist abhängig von meinen eigenen Emotionen und dem Zeitgeist der uns umgibt. Sehr schnell bildet dieser erste visuell emotionale Eindruck Wörter, Begriffe, Zusammenhänge, auch manches, das sich schwerlich in Worte fassen lässt. Und trotzdem steht am Ende dieser Betrachtung meist nur ein Wort. In diesem Jahr ist es „wonderland“.
Zunächst irritierte mich dieser Begriff selber, da er sich so schnell mit Alice verbindet und Alice aber scheinbar gar nicht auf der Bühne des Wunderlandes erscheint. Und doch lösen die Bilder ein Erstaunen ein Verwundern, ein Bewundern aus, dessen Magie sich der Betrachter kaum entziehen kann. Aber wo ist das Wunderland?
In dem Bild aus der Serie „ Life in Blue“ von Evzen Sobek spannt sich der blaue Himmel über einem sorgenlosen zeitentrückten Sein und wir können dem Radio entnehmen wie schön das Leben sein kann. Ist es hier? Oder wo sind die Menschen, die es sich gute gehen lassen hin? Corinna Gamma zeigt in luftigen glasklirrenden Bildern kalifornische Freizeitparks in den Menschen dem Alltag entfliehen und es offenbar aber keine Umkehr gibt. Schmunzeln erlaubt!
Gedankenverloren beinahe verschämt schaut madonnenhaft ein Mädchen bei Bill Armstrong herab und dem Sterben entgegen schaut ein älterer Mann bei Daniel Schumann zu Boden. Beide Bilder strahlen eine glückliche Ruhe aus und führen den Betrachter in eine andere Welt, ein Wunderland, das wir hier noch nicht erblicken können, aber jene, die es bereits sehen. – Draußen, da ist es still geworden. Auf der nächtlichen Straße von William Mokrynski oder am See von William Oldacre finden wir zwar Spuren von Bewegung aber die Szenen laden eher zum Verweilen und Nachdenken ein. Das Industriefenster von Dan Nelken wird zur melancholischen Oberfläche einer abstrakten Meditation über vergangene Zeiten.
Flüchtiger sind die Momente bei Felicia Murray, ein Hund auf dem Dach eines Hause, oder die liegende Statue bei Rafaelo Kazakov, verweisen mehr auf ein vergangenes Wunderland, von dem wir eben noch wussten - dessen Erinnerung gerade verblasst. Solche Schatten sind die Fotogramme von Anna Halm Schudel und Claudia Fährenkemper. Wunder der Natur, Pflanzen werfen wundersame Schatten und Farben auf das Fotopapier und erinnern uns an die Schöpfung und ein Leben hinter den Dingen.
Ganz anders in dem Waldbild von Takeshi Shikama. Natürliches Chaos und ordnender Blick öffnen dem Betrachter ein undurchdringliches Dickicht hin zu einem Ort der Ruhe. Es sind die Gegensätze in den Bildern Takeshi Shikamas, die auf asiatische Art und Weise Kompositionen liefern, die fast atemberaubend den Betrachter verharren lassen vor dem Wunder der Natur. Ekaterina Bubnova scheint Alice gefunden zu haben. Ein Mädchen schwebt zwischen den Ästen eines Waldes dahin und erzählt uns von den Wundern jenseits der realen Welt. Ekaterina Bubnova macht in ihren Bildern immer wieder Vorschläge für einen moderne Auffassung religiöser Bildwelten, die ikonenhaft einen sakralen Raum zu bestimmen vermögen.
Wawi Navarozza führt uns in eine exotische Welt. In ihrer Hommage an Frida Kahlo erinnert sie uns an die wunderschöne Künstlerin und schafft in ihrer Interpretation den wunderbaren Schritt uns zu verzaubern und zu entführen.

photographers:network selection 2010
"wonderland"
26.Juni bis 4.Juli
Studio Thomas Kellner
Siegen, Germany

Wawi Navarozza, Art Galerie Siegen 27.06. – 18.08.2010  findet nicht statt